Tagungsbericht
Reinhard Schmitt
(Landesamt für Archäologie und Denkmalpflege Halle)
Eingeleitet wurde die Reihe der Vorträge durch Ausführungen
von Reinhard Schmitt zum Thema „Die mittelalterliche Burg Bernburg".
Dabei verdeutlichte er, dass die Untersuchung der
Baugeschichte der Burg Bernburg bis zum Ende des 15.Jh. bisher stark
vernachlässigt wurde. So fehlen aussagekräftige Dokumente zu archäologischen
Befunden und systematische Untersuchungen zur Einordnung der vorhandenen
Bausubstanz.
Ein Defizit, dass sich so auch an anderen Burganlagen
nachvollziehen lässt, die in den 50er Jahren von Herrmann Wäscher oft nur
oberflächlich und spekulativ bearbeitet und in der Folgezeit keinerlei weiterer
wissenschaftlicher Untersuchungen unterzogen wurden.
Reinhard Schmitt konnte daher nur die bisher bestehenden und
lückenhaften Erkenntnisse zum Verlauf der Ringmauer, der Gestalt der ehemaligen
romanischen Burgkapelle und des gotischen Zwingersystems der ehemalige
Burganlage zusammenfassen und aufzeigen, welche Bereiche (Beispiel: Dendrochronologische
Untersuchung hölzerner Konstruktionsteile des „Alten Hauses") dringend einer
näheren Untersuchung unterzogen werden müssten.
Birthe Rüdiger
(Landesamt für Archäologie und Denkmalpflege Halle)
Der Beitrag von Frau Birthe Rüdiger die krankheitsbedingt
leider nicht teilnehmen konnte wurde dankenswerterweise von Frau Dr. Schneider
in Kurzfassung vorgetragen.
Schwerpunkte der Ausführungen bildete der Zustand der
hofseitigen Fassade des Langhauses vor den um 1914 begonnenen
Sanierungsarbeiten, der mit zwei historischen Fotografien belegt wurde, sowie
die Neuanordnung zahlreicher Fensteröffnungen seit dem 19.Jh.
Jonas Jüttner
(Architekturbüro Peter Girke, Halle)
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| Derzeitiger Zustand "Weißer Saal" im 2. Obergeschoss |
Im Anschluss referierte Herr Jonas Jüttner vom
Architekturbüro Girke über die Probleme der statisch-konstruktiven Sicherung
des Baukörpers.
An Hand von zahlreichen Fotografien erläuterte er zunächst
eindrucksvoll die vielfältigen Schadensbilder an den hölzernen Konstruktionen.
Der Vortrag Jüttners gliederte sich entsprechend der Bauetappen der Sicherungsarbeiten,
die sich wiederum an die Bauabschnitte des Langhauses Victor-Amadeus-Bau,
Joachim-Ernst-Bau und Wolfgangbau anlehnen.
Weiterhin gab Jüttner einen Überblick über die
Schwierigkeiten der statischen Konstruktion des Gebäudes.
Er verdeutlichte, dass die zahlreichen und oft nur
mangelhaft durchgeführten Reparaturen und Umbauten zu einer unüberschaubaren
Zahl an statischen Systemen geführt haben, deren Komplexität eine effiziente
Sicherung erschwert.
Ausgehend von dem bereits im Barock erfolgten Umbau des
Zwerchhausgeschosses zum Vollgeschoss, der die grundlegende Veränderung der
Dachentwässerung zur Folge hatte, kam es, vor allem nach der Verlegung
gusseiserner Fallrohre im Mauerwerk, zum großflächigen Befall mit dem „Echten
Hausschwamm", der die Zerstörung zahlreicher hölzerner Konstruktionen
herbeiführte.
Aber auch im Bereich der in den 30er Jahren sanierten
Fassade wurden infolge der unsachgemäßen
Befestigung der Kunststeinelemente, die zur Korrosion eiserner
Verbindungselemente und der damit verbundenen Rissbildung führte, umfangreiche
Zerstörungen festgestellt, die sogar den Absturz einzelner Fassadenteile zur
Folge haben könnten.
Abschließend führte Jüttner aus, wie die aufgezeigten
Probleme im Zuge der Bauarbeiten gelöst wurden und wie ausgebaute Bauteile
(Stuckelemente, Säulen und Fußböden) in „Bergelagern" deponiert sind.
Dr. Sabine Schneider
(Schneider & Küster Büro für Denkmalpflege, Leipzig)
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Säule der ehemaligen Hofstube im
Erdgeschoss
des "Joachim-Ernst-
Baus" mit Resten der bauzeitlichen
Farbfassung
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Dr. Sabine Schneider stellte in Ihrem Vortrag die neuesten
wissenschaftlichen Untersuchungsergebnisse zur restauratorischen Dokumentation
des Langhauses vor.
Der mit Spannung erwartete Beitrag begann mit Ausführungen
zu den erst kürzlich wiederentdeckten Resten der renaissancenen „Neuen
Hofstube" im Erdgeschoss des Joachim-Ernst-Baus.
Da im Langhaus bei allen späteren Umbauten grundsätzlich
nicht abgebaut, sondern fast ausschließlich angebaut wurde, hat sich unter den
späteren Schichten ein „großartiger Bestand" an Zeugnissen aus der Bauzeit des
Gebäudes erhalten.
Neben den Säulen und dem 18m langen Unterzug der „Neuen
Hofstube" sowie Teilen der bauzeitlichen Raumdecke trifft diese Aussage vor
allem auf die Reste der farblichen Oberflächengestaltung zu, die ebenfalls auf
den Bau Nickel Hoffmanns zurückzuführen ist.
Die Befunde traten dabei vor allem an den beiden Säulen zu
Tage, die mit einer auffälligen und kräftigen Marmorierung gestaltet waren. Die
gleiche Farbfassung fand sich auch im Bereich der Fensteröffnungen wieder.
Die Gestaltung der Raumdecke wurde von den mit
Pflanzenschwarz gefassten Deckenbalken dominiert, die zusätzlich in den weiß
gekalkten Deckenfeldern mit einem Beistrich abgesetzt waren.
Dieses Gestaltungsprinzip konnte auch an anderen Raumdecken
des Gebäudes bis in das 1. Obergeschoss in unterschiedlichen Varianten für den
Renaissancebau nachgewiesen werden.
Neben der für die funktionale Struktur des Schlosses
bedeutenden Hofstube beschäftigte sich der Vortrag weiterhin mit der im
Erdgeschoss des Wolfgangbaus erhalten gebliebenen „Tafelstube".
Auch hier hat sich die bauzeitliche Raumdecke erhalten.
Dabei weist der vorhandene Unterzug eine auffällig abweichende Gestaltung zu
dem der Hofstube auf.
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Freigelegter Deckenunterzug im Bereich der ehemaligen
Tafelstube im Erdgeschoss des "Wolfgangbaus" |
Damit kann ein höheres Alter der Deckenkonstruktion
angenommen werden.
Da die Untersuchungsarbeiten in diesem Bereich erst vor
wenigen Tagen begonnen haben, ist zur Zeit noch keine weitere Aussage zum
Erhaltungszustand der Farbfassungen möglich.
Die sich östlich an die Tafelstube anschließenden
Gewölbedecken konnten bisher nicht untersucht werden.
Auch im 1.Obergschoss des Gebäudes fanden sich zahlreiche
bauzeitliche Details.
So haben sich unter Deckenabhängungen im Vorraum des „Grünen
Saales" und eines Raumes, der sich östlich an die „Mittlere Leuchte" anschließt
renaissancene Unterzüge mit entsprechenden Farbfassungen erhalten.
Dabei bestätigte sich die Annahme Stephan Hoppes, dass sich
im 1. Obergeschoss die grundlegende Raumaufteilung seit der Renaissance nicht
veränderte.
Interessant dürften in dieser Hinsicht Befunde (Werkstein
mit Farbresten, Feierabendziegel mit Tierfußabdrücken, Formsteine) zur
Gestaltung der ehemaligen Ostfassade des Wolfgangbaus sein, die sogar
Rückschlüsse auf die Farbfassung der Außenfassade des Baus von Andreas Günther
zulassen.
Neben den umfangreichen Zeugnissen aus der Bauzeit konnten
aber auch Reste der barocken Raumgestaltung gesichert werden.
So hat sich im Bereich der Hofstube ein kleines Fragment der
ursprünglich großzügig zur Dekoration (Quellenbelege in Inventaren) verwendeten
Goldledertapete erhalten.
Weiterhin fand sich im Bereich des Vorraumes des „Grünen Saales"
ein Rest einer Kaminplatte aus der Zeit um 1700.
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Derzeitiger Zustand "Grüner Saal" im ersten Obergeschoss
des "Joachim-Ernst-Baus"
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Ausführlich befasste sich Frau Dr. Schneider mit den
zahlreichen Befunden zur klassizistischen Umgestaltung des 19.Jh. unter
Hofbaurat Johann August Philipp Bunge.
Beginnend mit der Raumgestaltung des „Grünen Saales", die
interessanterweise schon von Bunge selbst im Jahr 1857 noch einmal grundlegend
verändert wurde, führte der Vortrag über den „Weißen Saal" zu den Wohnräumen
der letzten Herzogin Friedrike von Anhalt-Bernburg im 2. Obergeschoss.
Dabei wurde deutlich, dass es sich bei den Raumbezeichnungen
„Grüner" bzw. „Weißer Saal" um Begriffe des 20. Jahrhunderts handelte.
Beide Räume waren ursprünglich mit einer kräftigen farbigen
Raumfassung versehen, wobei beim „Grünen Saal" umfangreiche Flächen, wie
beispielsweise die Säulenschäfte, vergoldet waren. Die Entwürfe Bunges
orientierten sich dabei stark an den Idealzeichnungen in dem 1806 erschienenen
„Elementarzeichenwerk" des Berliner Architekten und späteren Schinkel-Lehrers
an der Berliner Bauakademie Heinrich Gentz (1766-1811).
Auch im derzeit als „Weißen Saal" bezeichneten Raum,
dominierten ursprünglich kräftige Farben.
Besonders aufschlussreich war die neue zeitliche Zuordnung
von bisher als „klassizistisch" betrachteten Raumdekorationen einzelner Räume
des 2. Obergeschosses zur Sanierung der 1930er Jahre aufgrund neu aufgefundener
Entwurfszeichnungen für die Einbauschränke im Räumen des Amtsgerichtsdirektors
aus dem Jahr 1930.
Durch die Anlehnung an die klassizistischen Vorbilder bei
der Raumgestaltung und die hochwertige Ausführung der Stuckarbeiten und des Parketts
wurde die Ausstattung bisher fälschlicherweise der bungeschen Bauphase
zugeschrieben, deren Befunde sich aber unter der vorhandenen Raumgestaltung
erhalten haben.
Abschließend beschäftigte sich der Vortrag mit den im
östlichen Abschnitt des 2. Obergeschosses gelegenen Wohnräumen der Herzogin
Friedrike von Anhalt Bernburg.
Hier haben sich neben der unveränderten Raumstruktur von
Schlaf- und Badezimmer aus dem Jahr 1838 auch künstlerische Details der
hochwertigen Ausmalung wie Blumenmotive der Kassettendecke des Schlafzimmers
und ein Wandbild des Lieblingsschlosses der Herzogin, Schloss Glücksburg, im
Vorraum des Badezimmers erhalten, die aufwendig geborgen oder in situ gesichert
wurden.
Frau Dr. Schneiders Vortrag endete mit dem Bericht von dem
Fund umfangreicher Reste erhaltener Papiertapete aus dem 19.Jh. in einem der
„Leuchtenzimmer" des 2. Obergeschosses nach der Entfernung einer jüngeren
Wandverkleidung. Die Tapete zeigt neogotische Maßwerkmotive.
Herr Sven
Raecke, Erfurt
Der Vortrag Sven Raeckes
konzentrierte sich auf die im Zuge der Restaurierung bis zum Jahr 1936
angebrachte Kunststeinfassade des Langhauses.
Zunächst beschrieb er detailliert die zur Anwendung
gekommenen Verfahren zur Herstellung der Kunststeinelemente und erläuterte
Hintergründe dieser unvollendet gebliebenen Restaurationsmaßname des 20.Jh.
Raecke stellte dabei im Zuge des Verlaufs der Arbeiten eine
Abnahme der Qualität entsprechend dem Baufortschritt (Beginn östlicher
Fassadenabschnitt Hofseite bis zum Abbruch der Arbeiten an der westlichen
Fassade Gartenseite im Bereich des Joachim-Ernst-Baus) fest, die sich in der
Zunahme der Größe der verwendeten Kunststeinelemente und der fortschreitenden
Rationalisierung der eingesetzten Verfahren zeige.
Er wies zugleich auch eingehend auf die bereits im Vortrag
von Jüttner aufgezeigte Problematik der durch den Einsatz falscher
Mörtelmischungen im Bereich der eisernen Verbindungselemente der
Kunststeinfassade auftretenden Korrosion hin, die zur Abplatzung und
Rissbildung führte.
Der Vortrag Raeckes endete mit der Vorstellung der
aufgefundenen Farbbefunde der Fassadenelemente und der Erläuterung der auf der
Basis der ersten Farbfassung prototypischen realisierten Farbengebung eines Zwerchhausgiebels
der Hoffassade als Diskussionsgrundlage für die weitere Gestaltung der
Langhausfassade.
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