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Wilhelm IV. von Hessen-Kassel PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Dr. Jürgen Hamel   
30.05.2006

Wilhelm IV., Landgraf von Hessen-Kassel

geb. 24.6.1532 in Kassel,  gest. 25.8.1592 in Kassel

wilhelmWilhelm IV. schuf um 1560 in Kassel die erste fest eingerichtete Sternwarte im neuzeitlichen Europa, erkannte als einer der ersten Gelehrten die kosmische Natur von Novae und Kometen, schloß sich dem heliozentrischen Weltsystem an und orientierte die astronomische Forschung auf die praktische Himmelsbeobachtung.

Wilhelm erhielt seine erste Schulbildung durch Privatlehrer und war 1546-1547 am Straßburger Gymnasium. Als nach dem Tod seines Vaters 1567 die Landgrafschaft unter dessen Söhne in Hessen-Kassel, Hessen-Marburg und Hessen-Darmstadt aufgeteilt wurde, erhielt Wilhelm die Regentschaft in Kassel.

Wilhelm wandte früh sein Interesse der Astronomie zu. Zwischen 1560 und 1568 ließ er nach teilweise eigenen Berechnungen zwei astronomische Prunkuhren herstellen, die mit ihren vielfachen astronomischen und astrologischen Indikationen herausragende Zeugnisse gleichermaßen der Astronomie-, Technik- und Kunstgeschichte sind (Staatliche Museen Kassel, Mathematisch-physikalisches Kabinett, Mathematisch-Physikalischer Salon Dresden).

Von einem tiefen Interesse für die Astronomie zeugt Wilhelms Gründung einer fest eingerichteten Sternwarte auf dem Kasseler Landgrafenschloß um 1560, der ersten im neuzeitlichen Europa überhaupt. Er hatte sich größere Messinginstrumente bauen lassen, die eine exakt justierte Aufstellung erforderten, z.B. einen Azimutalquadranten (Kantenlänge 110 cm). Wilhelm kannte die Ungenauigkeit astronomischer Rechnungen und Beobachtungen und kam zu der wissenschaftstheoretischen Schlußfolgerung, daß man, wenn man den Himmel kennenlernen möchte, man auch den Himmel und nicht (nur) die Bücher studieren müsse.

Als erste Voraussetzung für eine Reform der Astronomie erkannte er die genaue Kenntnis der Fixsternörter, weil die Örter von Planeten und Kometen relativ zu den Sternen als Bezugssystem bestimmt wurden. Hingegen waren alle Sternkataloge seiner Zeit durch reine Umrechnung des auf Hipparch und Ptolemäus zurückgehenden Katalogs entstanden und waren mit der Zeit durch Schreib-, Lese- und Umrechnungsfehler sehr ungenau geworden. Um 1566/67 hatte Wilhelm aus eigenen Beobachtungen einen Katalog von 56 Sternen bearbeitet, dessen Genauigkeit bereits einen deutlichen Fortschritt darstellte.

Nach der Übernahme der Regentschaft mußte Wilhelm seine astronomischen Forschungen einschränken. Dennoch hatte er die Supernova von 1572 und den Kometen von 1577 sehr genau beobachtet und kam neben T. Brahe als erster zur antiaristotelischen Erkenntnis ihrer Stellung in den Planetenräumen und nicht der Erdatmosphäre. Im Jahre 1579 gewann Wilhelm J. Bürgi als Mitarbeiter an seinem Hof. Die praktischen Himmelsbeobachtungen übernahm seit Ende 1584 Chr. Rothmann .

Bei aller Belastung durch seine Verpflichtungen als Landesherr, die eine Teilnahme an den Beobachtungen verhinderte, verfolgte Wilhelm alle Arbeiten auf seiner Sternwarte mit großer Aufmerksamkeit. Er ließ sich täglich von den Beobachtungen berichten und war so in der Lage die wissenschaftliche Leitung der Sternwarte auszuüben und erforderliche Beobachtungsaufgaben zu stellen.

Wilhelm war einer der ersten, ganz wenigen Gelehrten, die im heliozentrischen Weltsystem eine Widerspiegelung der Realität des Weltbaus sahen und stand in intensivem Briefwechsel mit T. Brahe. Im Streit um die Kalenderreform von Papst Gregor XIII. war er einer der Wortführer der protestantischen Opposition. Ihm war zwar klar, daß der reformierte Kalender wissenschaftlich exakt und praktisch optimal gestaltet war, doch mußte er ihn aus theologischen Gründen strikt zurückweisen.

Unter Wilhelms Leitung wurde Kassel im späten 16. Jahrhundert zu einem Zentrum der theoretischen und praktischen Astronomie. Wegen dieser Verdienste bezeichnete ihn später W. Bessel als einen Fürsten nicht nur für, sondern „auch unter den Astronomen" (Bessel 1848, S. 422).

Literatur:

  • Der Briefwechsel mit Tycho Brahe ist gedruckt in: Tycho Brahe, Epistolarum astronomicarum libri. Uranienburg 1596. In: Ders., Opera omnia, Vol. VI. Ed. I. L. E. Dreyer. Kopenhagen 1919; weitere Auflagen Nürnberg 1601, Frankfurt a. M. 1610
  • Der Briefwechsel mit Kurfürst August I. von Sachsen und Chr. Rothmann befindet sich im Sächsischen Hauptstaatsarchiv Dresden und im Hessischen Staatsarchiv Marburg.
  • Bessel, Friedrich Wilh.: Populäre Vorlesungen über wissenschaftliche Gegenstände. Hrsg. von Heinrich Chr. Schumacher. Hamburg 1848
  • Christoph Rothmanns Handbuch der Astronomie von 1589. Hrsg. von Miguel A. Granada, Jürgen Hamel und Ludolf v. Mackensen. Frankfurt a. M. 2003 (Acta Historica Astronomiae; 19)
  • Hamel, Jürgen: Die astronomischen Forschungen in Kassel unter Wilhelm IV. Mit einer Teiledition der deutschen Übersetzung des Hauptwerkes von Copernicus um 1586. Thun; Frankfurt, 2. korr. Aufl. 2002 (Acta Historica Astronomiae; 2)
  • Mackensen, Ludolf v.: Die erste Sternwarte Europas mit ihren Instrumenten und Uhren. 400 Jahre Jost Bürgi in Kassel. München 1988
Letzte Aktualisierung ( 05.06.2006 )
 
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