Wilhelm IV., Landgraf von Hessen-Kassel
geb. 24.6.1532 in
Kassel, gest. 25.8.1592 in Kassel
Wilhelm IV. schuf um
1560 in Kassel die erste fest eingerichtete Sternwarte im neuzeitlichen Europa,
erkannte als einer der ersten Gelehrten die kosmische Natur von Novae und
Kometen, schloß sich dem heliozentrischen Weltsystem an und orientierte die
astronomische Forschung auf die praktische Himmelsbeobachtung.
Wilhelm erhielt seine
erste Schulbildung durch Privatlehrer und war 1546-1547 am Straßburger
Gymnasium. Als nach dem Tod seines Vaters 1567 die Landgrafschaft unter dessen
Söhne in Hessen-Kassel, Hessen-Marburg und Hessen-Darmstadt aufgeteilt wurde,
erhielt Wilhelm die Regentschaft in Kassel.
Wilhelm wandte früh sein
Interesse der Astronomie zu. Zwischen 1560 und 1568 ließ er nach teilweise
eigenen Berechnungen zwei astronomische Prunkuhren herstellen, die mit ihren
vielfachen astronomischen und astrologischen Indikationen herausragende
Zeugnisse gleichermaßen der Astronomie-, Technik- und Kunstgeschichte sind
(Staatliche Museen Kassel, Mathematisch-physikalisches Kabinett,
Mathematisch-Physikalischer Salon Dresden).
Von einem tiefen
Interesse für die Astronomie zeugt Wilhelms Gründung einer fest eingerichteten
Sternwarte auf dem Kasseler Landgrafenschloß um 1560, der ersten im
neuzeitlichen Europa überhaupt. Er hatte sich größere Messinginstrumente bauen
lassen, die eine exakt justierte Aufstellung erforderten, z.B. einen
Azimutalquadranten (Kantenlänge 110 cm). Wilhelm kannte die Ungenauigkeit
astronomischer Rechnungen und Beobachtungen und kam zu der
wissenschaftstheoretischen Schlußfolgerung, daß man, wenn man den Himmel kennenlernen
möchte, man auch den Himmel und nicht (nur) die Bücher studieren müsse.
Als erste Voraussetzung
für eine Reform der Astronomie erkannte er die genaue Kenntnis der
Fixsternörter, weil die Örter von Planeten und Kometen relativ zu den Sternen
als Bezugssystem bestimmt wurden. Hingegen waren alle Sternkataloge seiner Zeit
durch reine Umrechnung des auf Hipparch und Ptolemäus zurückgehenden Katalogs
entstanden und waren mit der Zeit durch Schreib-, Lese- und Umrechnungsfehler
sehr ungenau geworden. Um 1566/67 hatte Wilhelm aus eigenen Beobachtungen einen
Katalog von 56 Sternen bearbeitet, dessen Genauigkeit bereits einen deutlichen
Fortschritt darstellte.
Nach der Übernahme der
Regentschaft mußte Wilhelm seine astronomischen Forschungen einschränken.
Dennoch hatte er die Supernova von 1572 und den Kometen von 1577 sehr genau
beobachtet und kam neben T. Brahe als erster zur antiaristotelischen Erkenntnis
ihrer Stellung in den Planetenräumen und nicht der Erdatmosphäre. Im Jahre 1579
gewann Wilhelm J. Bürgi als Mitarbeiter an seinem Hof. Die praktischen
Himmelsbeobachtungen übernahm seit Ende 1584 Chr. Rothmann .
Bei aller Belastung
durch seine Verpflichtungen als Landesherr, die eine Teilnahme an den
Beobachtungen verhinderte, verfolgte Wilhelm alle Arbeiten auf seiner
Sternwarte mit großer Aufmerksamkeit. Er ließ sich täglich von den
Beobachtungen berichten und war so in der Lage die wissenschaftliche Leitung der
Sternwarte auszuüben und erforderliche Beobachtungsaufgaben zu stellen.
Wilhelm war einer der
ersten, ganz wenigen Gelehrten, die im heliozentrischen Weltsystem eine
Widerspiegelung der Realität des Weltbaus sahen und stand in intensivem
Briefwechsel mit T. Brahe. Im Streit um die Kalenderreform von Papst Gregor
XIII. war er einer der Wortführer der protestantischen Opposition. Ihm war zwar
klar, daß der reformierte Kalender wissenschaftlich exakt und praktisch optimal
gestaltet war, doch mußte er ihn aus theologischen Gründen strikt zurückweisen.
Unter Wilhelms Leitung
wurde Kassel im späten 16. Jahrhundert zu einem Zentrum der theoretischen und
praktischen Astronomie. Wegen dieser Verdienste bezeichnete ihn später W.
Bessel als einen Fürsten nicht nur für, sondern „auch unter den Astronomen"
(Bessel 1848, S. 422).
Literatur:
- Der Briefwechsel mit Tycho Brahe ist gedruckt in: Tycho
Brahe, Epistolarum astronomicarum libri. Uranienburg 1596. In: Ders., Opera omnia, Vol. VI. Ed. I. L. E. Dreyer. Kopenhagen
1919; weitere Auflagen Nürnberg 1601, Frankfurt a. M. 1610
- Der Briefwechsel mit Kurfürst August I. von Sachsen und
Chr. Rothmann befindet sich im Sächsischen Hauptstaatsarchiv Dresden und im
Hessischen Staatsarchiv Marburg.
- Bessel, Friedrich Wilh.: Populäre Vorlesungen über
wissenschaftliche Gegenstände. Hrsg. von Heinrich Chr. Schumacher. Hamburg 1848
- Christoph Rothmanns Handbuch der Astronomie von 1589.
Hrsg. von Miguel A. Granada, Jürgen Hamel und Ludolf v. Mackensen. Frankfurt a.
M. 2003 (Acta Historica Astronomiae; 19)
- Hamel, Jürgen: Die astronomischen Forschungen in Kassel
unter Wilhelm IV. Mit einer Teiledition der deutschen Übersetzung des
Hauptwerkes von Copernicus um 1586. Thun; Frankfurt, 2. korr. Aufl. 2002 (Acta Historica Astronomiae; 2)
- Mackensen, Ludolf v.: Die erste Sternwarte Europas mit
ihren Instrumenten und Uhren. 400 Jahre Jost Bürgi in Kassel. München 1988
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