Rothmann, Christoph
geb.
um 1560 (Bernburg, Sachsen-Anhalt), gest. um 1600 (vermutlich in Bernburg)
Christoph Rothmann
wurde mit seinem auf eigenen Beobachtungen beruhenden Sternkatalog, seiner
Stellungnahme für das copernicanische System, seinen Forschungen zur
astronomischen Refraktion, seiner Erkenntnis der kosmischen Natur der Kometen
sowie der Ablehnung fester Himmelsphären und der Existenz des himmlischen
Äthers einer der bedeutendsten Astronomen des späten 16. Jahrhunderts.
Rothmann
stammt aus Bernburg im Fürstentum Anhalt und studierte an der Universität
Wittenberg. Im November 1584 trat er in den Dienst des Landgrafen Wilhelm IV.
von Hessen-Kassel als Astronom an der dortigen Sternwarte.
Rothmann
erwies er sich als exzellenter Beobachter. Sein für die Epoche 1586
bearbeiteter Katalog weist die außerordentlich geringe Standardabweichung
(bezogen auf den Fundamentalstern Aldebaran) von ± 1.2' in Rektaszension sowie
± 1.5' in Deklination auf (zum Vergleich lauten z.B. die betreffenden Werte bei
Tycho Brahe: ± 2.3' für die Rektaszension und ± 2.4' für die Deklination). Der
Katalog umfaßt 383 Sterne und stellt einen entscheidenden Durchbruch in der
neueren astronomischen Beobachtungstätigkeit dar. Er beruht als erster Katalog
der Neuzeit vollständig auf eigenen Beobachtungen. Rothmann arbeitete nicht
mit Instrumenten großer Dimensionen, sondern verwendete mittelgroße, genau
justierte Metallinstrumente mit besonders präzis hergestellten
Visiereinrichtungen.
Neben
z.B. Tycho Brahe und Wilhelm IV. gelangte Rothmann vor allem nach Beobachtungen
des Kometen von 1585, an dessen Örter er keine Parallaxe feststellen konnte,
als einer der ersten Astronomen zur Überzeugung der kosmischen Natur der
Kometen. Er vertrat die antiaristotelische Schlußfolgerung, derzufolge die
Substanz der Kometen in keiner Weise von der elementischen Region unterhalb des
Mondes verschieden sei und deshalb sowohl die Lehre vom Äther, als auch die
einer speziellen himmlischen Region des Feuers der wissenschaftlichen Grundlage
entbehre. Zwischen der Sphäre der Fixsterne und der Erde gäbe es nichts, als
Luft sowie die sich in ihr bewegenden Planeten. Dies stellt eine bedeutende
Erkenntnis der stofflichen Einheit des Irdischen mit den Kometen als
Himmelskörpern, mithin der stofflichen Einheit des Kosmos dar.
Den
Kometenschweifen gibt er nach genauen Beobachtungen eine eigenständige
stoffliche Natur, was der zu seiner Zeit weit verbreiteten Lehre entgegensteht,
nach der die Schweife lediglich ein Reflex durchstrahlenden Sonnenlichtes in
der Himmelsluft oder dem Äther seien.
Rothmann
bekannte sich als einer der ersten bedeutenden Astronomen zum heliozentrischen
Weltsystem des Copernicus als wahrer Widerspiegelung des Weltbaus.
Mit
den Arbeiten Rothmanns, dem von Wilhelm IV. entwickelten Arbeitsprogramm sowie
den von J. Bürgi konstruierten Uhren und Instrumenten entwickelte sich Kassel
neben den Sternwarten Brahes zu einem Zentrum astronomischer Forschung.
Literatur:
- Wichtige Arbeiten Rothmann befinden sich als
Originalmanuskripte in der Universitätsbibliothek Kassel.
- Der Briefwechsel Rothmanns mit Wilhelm IV. befindet
sich im Hessischen Staatsarchiv Marburg.
- Christoph
Rothmanns Handbuch der Astronomie von 1589. Kommentierte Edition der
Handschrift Christoph Rothmanns „Observationum stellarum fixarum liber primus",
Kassel 1589. Hrsg. von Miguel A. Granada, Jürgen Hamel und Ludolf von
Mackensen. Frankfurt a. M. 2003 (Acta Historica Astronomiae; 19)
- Der Briefwechsel mit Tycho Brahe ist gedruckt in: Tycho
Brahe, Epistolarum astronomicarum libri. Uranienburg 1596; in: Ders.: Opera omnia, Vol. VI. Ed. I. L. E. Dreyer. Kopenhagen
1919; weitere Auflagen Nürnberg 1601, Frankfurt a. M. 1610
- Granada, Miguel A.: El debate cosmológico en 1588,
Bruno, Brahe, Rothmann, Ursus, Roeslin. Napoli 1996
- Granada 2002
= Granada, Miguel A.: Sfere solide e cielo fluido. Momenti del dibattito
cosmologico nella seconda metà del Cinquecento. Milano 2002 (Istituto Italiano
per gli studi Filosofici / Saggi; 41)
-
Hamel, Jürgen: Die astronomischen Forschungen in Kassel unter Wilhelm
IV. Mit einer Teiledition der deutschen Übersetzung des Hauptwerkes von
Copernicus um 1586. Thun; Frankfurt a. M. 1998 (Acta Historica Astronomiae; 2);
2., ergänzte Aufl. Frankfurt a. M. 2002
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